Über MiNGra
Die mittelniederdeutsche Textkultur hat zentralen Anteil am kulturellen Erbe Nordeuropas. Mittelniederdeutsch war vom 13. bis ins 17. Jh. im norddeutschen Sprachraum und darüber hinaus im Ostseeraum sowie als Handelssprache in den Niederlassungen der Hanse von London über Brügge, Bergen bis nach Nowgorod verbreitet. Mittelniederdeutsche Texte bilden somit das sprachliche Fundament der vielfältigen hansestädtischen Kultur.
Die Erforschung der nordeuropäischen Stadtgeschichte (Stadtrecht/Stadtrechtsfamilien, Verwaltung, Sozialstrukturen), Wirtschaftsgeschichte (hansischer Handel, Seefahrt, Zünfte und Gilden) sowie Religionsgeschichte (Gottesdienst, Kloster, private Frömmigkeit) ist ohne solide Kenntnisse des Mittelniederdeutschen nicht möglich. Die geistesgeschichtliche und kulturelle Entwicklung spiegelt sich in der sprachlichen Variation und im sprachlichen Wandel. Dies wird in der Ausbildung komplexer Textstrukturen sichtbar, die bspw. bei mittelniederdeutschen Rechtstexten mit dem Wandel von Vorlese- zu Lesetexten zusammenhängt. Grammatikschreibung dient somit auch der Rekonstruktion der spezifischen sprachlichen Zugriffe auf Welt bzw. auf Natur und Gesellschaft.
Um das Mittelniederdeutsche in seiner Struktur adäquat erschließen zu können, setzt die geplante Mittelniederdeutsche Grammatik aktuelle Anforderungen moderner Grammatiken um. Sie berücksichtigt alle Ebenen des Sprachsystems (Phonologie und Graphematik, Wortarten, Flexion, Lexembildung, Syntax) und zeichnet sich darüber hinaus durch folgende innovative methodische Leitlinien aus:
- Variationssensitivität und diasystematische Differenziertheit: Eine der größten Herausforderungen besteht bei der Analyse einer historischen Sprache wie dem Mittelniederdeutschen – im Gegensatz zu einer modernen Standardsprache – darin, die auf allen Sprachebenen stets begegnenden Varianten grammatischer Formen systematisch abzubilden. Hierzu gehört einerseits die Variation aufgrund innersprachlicher Ursachen (z. B. die Wahl eines Flexionselements aufgrund des syntaktischen Kontextes bei vorangestellten oder nachgestellten Adjektiven wie de olde unde nige rat „der alte und neue Rat“ vs. de rat olt unde nige „der Rat, alt und neu“). Andererseits ist die Variation aufgrund außersprachlicher Bedingungen betroffen, d. h. Unterschiede im Gebrauch der Formen (z. B. in der Pluralbildung bei Substantiven wie brodere vs. broders „Brüder“) sind abhängig von Region, Zeit und Domäne/Textsorte darzustellen. Um Variation adäquat beschreiben zu können, wird die grammatische Beschreibung an der sprachlichen Oberfläche, d. h. bei den vorfindlichen Formen angesetzt, um die Analyse aus dem empirischen Befund – und nicht aus der historischen Entwicklung abstrahiert – ableiten zu können.
- Korpusbasiertheit: Ein geeignetes empirisches Fundament kann nur ein umfangreiches Sprachkorpus mit digital aufbereiteten Texten bieten. Diese Textsammlung muss als Datenbasis die Sprachperiode vom 13. bis zum 17. Jh. und den gesamten mittelniederdeutschen Sprachraum (inkl. Ostseeraum) sowie die Vielfalt der Textsorten abbilden. Zu diesem Zweck steht das Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch (1200–1650) (ReN) zur Verfügung, das für grammatische Analysen eingerichtet und mit Annotationen, d. h. den Worteinheiten hinzugefügten Informationen, zu Wortart und Flexionsmorphologie angereichert ist.
- Ausrichtung auf verschiedene Zielgruppen: Die Grammatik soll einerseits als wissenschaftliche Grammatik an Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie Forschende angrenzender Disziplinen (z.B. aus den Geschichts- oder Kulturwissenschaften) adressiert sein, um ihnen eine differenzierte Analyse der grammatischen Strukturen des Mittelniederdeutschen und eine umfassende Dokumentation der Sprachepoche zu bieten. Andererseits soll sie als Gebrauchsgrammatik an den Bedürfnissen des akademischen Unterrichts ausgerichtet sein und ein kompaktes Hilfsmittel für linguistische und mediävistische Lehrveranstaltungen zum Mittelniederdeutschen darstellen.
- Verknüpfung von Grammatikanalysen und Forschungsdaten durch ein interaktives Webinterface: Nicht nur die Grammatik selbst, sondern auch die zugrunde liegenden annotierten Daten sollen über ein Webinterface verfügbar sein. Dies schafft zum einen, eine größtmögliche Transparenz hinsichtlich der Datengrundlage und der Analysemethoden und ermöglicht zum anderen die Nachnutzbarkeit der Daten für weitere Studien. Darüber hinaus erlauben Verlinkungen der Grammatikdaten ins ReN die Betrachtung von Belegen für einzelne Phänomene in einem größeren sprachlichen Kontext. Das im Rahmen des Projektes zu entwickelnde Webinterface wird nicht nur einen klassischen Zugang zur Grammatik eröffnen (z.B. über die Kapitelstruktur oder über das Stichwortregister), sondern auch Visualisierungen zur quantitativen Verteilung grammatischer Phänomene bieten. Die folgende Abbildung zeigt im Prototyp des interaktiven Webinterfaces die exemplarische Darstellung der Dativ-Singularform des Substantivs knecht:

Folgende Ebenen können im Webinterface angezeigt werden: Die Belegstellen im Korpus werden mitsamt sprachlichem Kontext abgebildet (oben rechts), dazu werden Visualisierungen zu quantitativen Verteilungen angeboten, z.B. zum Vorkommen der konkurrierenden Flexionsendungen „null“ und „e“ im zeitlichen Verlauf (unten rechts). Außerdem soll es für die Nutzerinnen und Nutzer möglich sein, die der Grammatik zugrunde liegenden Daten für die eigene Weiterverarbeitung zu exportieren, z.B. Im Tabellenformat (unten links), um das Material für eigene weiterführende Analysen zusammenzustellen und auszuwerten.